Die Wahlkreis-Vorhersage bei Zweitstimme.org
Neben der landesweiten Stimmenprognose zeigen wir für anstehende Landtagswahlen (und das Berliner Abgeordnetenhaus) eine Karte der Direktmandate nach Wahlkreis: Welche Partei gewinnt voraussichtlich wo das Direktmandat — und wie sicher ist das?
Dieser Artikel erklärt das Modell hinter der Karte. Kurz gesagt: Wir nehmen die Landesprognose und verteilen den landesweiten Stimmungswandel gleichmäßig auf alle Wahlkreise. Effekte der Kandidierenden fließen (noch) nicht in die Sitzprognose ein.
Was die Karte beantwortet — und was nicht
| Landesprognose | Wahlkreis-Karte | |
|---|---|---|
| Frage | Wie fallen die Zweitstimmen landesweit aus? | Wer gewinnt das Direktmandat (Erststimme) im Wahlkreis? |
| Einheit | Prozentanteile + Szenarien | Karte + Siegchancen je Wahlkreis |
| Unsicherheit | 5/6-Unsicherheitsintervall der Landesanteile | 95 %-Unsicherheitsintervall der Erststimmen (+ P(Sieg)) |
| Kandidierende | Spitzenkandidierende nur indirekt (über Umfragen) | Namen zur Orientierung; ohne Einfluss auf die Prognose |
Klare Favoriten (Siegchance ab etwa zwei Dritteln, und die Zweitplatzierte höchstens ein Drittel) färbt die Karte einfarbig in der Parteifarbe — die Intensität folgt der Siegchance. Offene und tendenziell knappe Wahlkreise bekommen Streifen in den Farben aller Parteien mit mehr als 10 % Siegchance; die Streifenbreite folgt ungefähr diesen Anteilen. Klick öffnet Details: 95 %-Unsicherheitsintervall der Erststimme, Vergleich zur letzten Wahl und — soweit bekannt — den Namen der Direktkandidierenden.
Die Idee: proportionaler Swing + geschätzte Erststimme
Direktmandats-Umfragen gibt es für die meisten Wahlkreise nicht. Was wir haben:
- Wahlergebnisse je Wahlkreis aus der letzten und der vorletzten Wahl (Erst und Zweit), und
- unsere aktuelle landesweite Zweitstimmen-Prognose.
Daraus bauen wir — analog zur Bundestags-Wahlkreisvorhersage — zwei Stufen: einen proportionalen Zweitstimmen-Swing und eine geschätzte Erststimmen-Gleichung mit Koeffizienten aus vergangenen Landtags-/AGH-Übergängen.
Von der letzten Wahl zum Direktmandat
- 1Historische WahlenErst/Zweit je Wahlkreis — letzte Wahl als Anker, vorletzte für die Schätzung
- 2LandesprognoseAktuelle Zweitstimmen-Anteile und Unsicherheit aus dem Landtagsmodell
- 3Zweit-SwingProportionaler Swing: lokale Zweit × (1 + relativer Landestrend)
- 4ErststimmeOLS: Erst ≈ β₁·Zweit + β₂·Erstletzte Wahl (+ Indikator ohne Kandidatur damals)
- 5Simulation4.000 Posterior-Züge der Landesprognose + Koeffizienten → Siegchance und Band
Schritt für Schritt
1. Trainingsdaten
Geschätzt wird über gestapelte Wahlkreis×Partei-Beobachtungen aus:
- MV: 2011→2016 und 2016→2021 (Absolutstimmen, gleiche 36er-Geographie)
- ST: 2016→2021 (2021 Absolutstimmen; 2016 als amtliche vergleichbare %-Anteile auf 2021er Kreise)
- BE: 2016→2023 (Absolutstimmen im Ergebnisbericht, auf 2023er Wahlkreise)
2. Landesprognose als Ziel
Die aktuelle Zweitstimmen-Vorhersage liefert 4.000 Posterior-Züge. Jede Wahlkreis-Simulation verwendet eines dieser landesweiten Ergebnisse — dieselben Züge wie Punktschätzung, 5/6-Intervall und Szenarien. Zusätzlich kommt die Unsicherheit der Erststimmen-Regression (Koeffizienten + Restfehler).
3. Proportionaler Zweitstimmen-Swing
Wie in der Bundestags-Wahlkreislogik:
Starke Wahlkreise bleiben relativ stark; der relative Landestrend wird proportional übertragen. Anschließend Normalisierung auf 100 %.
4. Geschätzte Erststimme
Direktmandate hängen von der Erststimme ab. Die Gleichung wird nur mit Vorwahl-Information kalibriert — dieselbe Informationsmenge wie live: Zweit im Wahlkreis ist die Swing-Projektion aus der vorigen Wahl (nicht das spätere Ist-Zweit der Zielwahl); dazu Erst der vorigen Wahl. Geschätzt wird (gepoolt über die Übergänge oben):
Kandidierenden-Merkmale (Incumbency usw.) fehlen noch — anders als im vollen Bundestags-Modell. Neue Parteien (z. B. BSW) stecken vor allem über die Zweitstimme und den Restanteil.
5. Simulation und Siegchance
4.000 Züge: jeweils der zugehörige Posterior-Zug der Landesprognose und ein Zug aus der Koeffizienten-Unsicherheit (+ Restfehler). Sieger im Wahlkreis = höchste Erststimme; P(Sieg) = Anteil der Siege.
So liest man die Darstellung
- Kartenfarbe — einfarbig ab P(Favorit) ≥ 66 %, wenn die Zweitplatzierte ≤ 33 % hat; sonst Streifen für offen/tendenziell (alle Parteien >10 %, Breite ≈ P).
- P(Sieg) — Anteil der Simulationen, in denen diese Partei das Direktmandat holt. 70 % heißt nur: in sieben von zehn Zügen gewinnt sie — das ist kein eigener Schwellenwert für die Karte.
- 95 %-Unsicherheitsintervall (Erststimme) — Mittelwert ± 1,96·SD über die Simulationen (Normalnäherung), analog zum 5/6-Intervall der Landesprognose. Ohne separate Punktschätzung in der Liste. Breite Intervalle bedeuten: kleine Änderungen am Landestrend können den Wahlkreis kippen.
- Vergleichswert der letzten Wahl — Erststimmenanteil damals, als Orientierung.
- Namen — Direktkandidierende, soweit wir sie aus Partei- oder Amtsquellen haben. In Sachsen-Anhalt liegt das amtliche Bewerberverzeichnis vor: fehlt eine Partei in einem Wahlkreis, tritt sie dort nicht an — wir setzen ihren Erststimmenanteil auf 0 und normalisieren die übrigen auf 100 %. In MV und Berlin heißt ein fehlender Name dagegen oft noch „noch nicht veröffentlicht“, nicht „niemand kandidiert“. Namen und Incumbency ändern die berechneten Anteile ansonsten nicht (keine weiteren Kandidierenden-Kovariaten).
Was das Modell bewusst weglässt
- Keine Effekte der Kandidierenden. Incumbency, Listenplatz, Bekanntheit usw. stecken noch nicht in der Erst-Gleichung (im Bundestags-Modell schon).
- Kein eigenes Erststimmen-Umfragemodell. Es gibt kaum flächendeckende Wahlkreisumfragen; Swing + Regression sind die Näherung.
- Keine amtliche Sitzzuteilung in den Koalitionsszenarien. Die landesweite Mehrheitsrechnung der Landesprognose bleibt eine Näherung über Zweitstimmenanteile. Zusätzlich zeigen wir unter der Wahlkreis-Karte eine indikative Größenverteilung des Landtags bzw. Abgeordnetenhauses (siehe unten).
- Grenzen und Umschlüsselung. Wahlkreiszuschnitte ändern sich. Für Berlin nutzen wir die amtliche Umschlüsselung der Zweitstimmen von 2023 auf die Gebiete von 2026; Erststimmen nur dort, wo die lokale Nummer noch passt. In Sachsen-Anhalt stammen die 2016er Vergleichswerte auf 2021er Kreisen aus amtlichen %-Angaben (mit Briefwahl-Näherung).
Von Direktmandaten zur Parlamentsgröße
Direktmandate allein bestimmen noch nicht die Sitzverteilung. Alle drei Länder nutzen Hare/Niemeyer auf Zweitstimmen — mit Überhang- und Ausgleichsmandaten, die das Parlament vergrößern können:
| Land | Mindestgröße | Letzte Wahl | Ausgleich |
|---|---|---|---|
| MV | 71 | 79 Sitze, 70,8 % (2021) | Ausgleich bis höchstens 2× Überhang; bei gerader Zahl +1 |
| ST | 83 | 97 Sitze, 60,3 % (2021) | Sitzzahl wird wiederholt um 2× verbleibende Überhänge erhöht |
| Berlin | 130 | 159 Sitze, 62,9 % (2023) | Formel Sitze inkl. Überhang / Stimmenanteil; Bezirkslisten: Überhang je Bezirk, nicht landesweit verrechnet |
Unter der Wahlkreiskarte zeigen wir die simulierte Größenverteilung (Median, Punktschätzung, p90). Das ist keine amtliche Sitzzuteilung, sondern dieselbe Swing-Logik wie die Karte, kombiniert mit den landesspezifischen Regeln.
Mecklenburg-Vorpommern: unvollständiger Ausgleich
Nur in MV kann der Deckel dazu führen, dass Überhangmandate nicht vollständig ausgeglichen werden. Typischer Auslöser: eine Partei gewinnt sehr viele Direktmandate bei einem Zweitstimmenanteil deutlich unter etwa einem Drittel der Landtagsparteien. Historisch hat dieser Deckel bereits gegriffen — 2021 etwa bei der SPD mit drei Überhängen und fünf von sechs möglichen Ausgleichssitzen.
Nach dem aktuellen Forecast (Stand der Simulation):
- In rund 0,6 % der Züge greift der Deckel (unvollständiger Ausgleich).
- Der verbleibende Vorteil ist dann praktisch immer genau ein Extra-Sitz.
- Überhangpartei in den Simulationen vor allem SPD oder AfD. Andere Parteien erhalten Ausgleichssitze — aber keinen unkompensierten Extra-Sitz zulasten des Proporzes.
Auswirkung auf Mehrheits-Szenarien: vernachlässigbar. Vergleicht man Zweitstimmen-Mehrheit, Sitzmehrheit mit vollem Ausgleich und Sitzmehrheit mit MV-Deckel, liegt der Deckel-Effekt bei unter 0,5 pp. Ob der Ausgleich vollständig oder gedeckelt ist, ändert die Wahrscheinlichkeit einer absoluten AfD-Mehrheit praktisch nicht. In der Swing-Simulation liegt sie unter 1 %; die Landesprognose weist (gerundet) etwa 2 % aus — beide Werte sind klein, der Unterschied kommt vom Modell, nicht vom Deckel. Deshalb bleiben die Koalitionsszenarien der Landesprognose die Zweitstimmen-Näherung — ohne eigene Sitz-Korrektur für Überhang.
In Berlin gleichen wir Überhang nicht landesweit aus, wenn eine Partei Bezirkslisten aufstellt. In ST kann nach mehreren Ausgleichsrunden ein kleiner Restüberhang an der Fraktionsstärke-Grenze stehen bleiben (meist ein Sitz) — die Unsicherheit steckt aber vor allem in der Parlamentsgröße.
Berlin: Bezirkslisten und Überhang
2026 treten CDU, SPD und Linke mit Bezirkslisten an, Grüne, AfD, FDP und BSW mit Landesliste. Das Landeswahlgesetz verteilt die Sitze einer Bezirkslisten-Partei per Hare/Niemeyer auf die zwölf Bezirke (Unterverteilung) und rechnet Direktmandate in jedem Bezirk gesondert an (§ 17 Abs. 4 LWG). Überhang in einem Bezirk bleibt; ungenutzte Listenplätze in anderen Bezirken dürfen ihn nicht auffangen (§ 19 Abs. 1). Erst danach folgt der Ausgleich über die amtliche Formel Sitze der Partei inkl. Überhang × Stimmen aller / Stimmen der Partei — einmal, mit anschließender neuer Ober- und Unterverteilung (§ 19 Abs. 2).
Wer Überhang nur gegen die landesweite Direktmandatszahl nettet, unterschätzt deshalb Kammergröße und Listensitze: typisch liegt der Median eher bei etwa 170 Sitzen als bei der gesetzlichen Mindestgröße 130, und P(Größe = 130) wird sehr klein. Die Wahlkreis-Siegchancen selbst ändern sich dadurch nicht.
Auswirkung auf Mehrheits-Szenarien: Die Landesprognose bleibt die Zweitstimmen-Näherung. Sitzmehrheiten können durch Restüberhang nach der einmaligen Formel leicht vom Stimmenproporz abweichen; die Größenunsicherheit ist der größere Effekt.
Aktuell verfügbar
Die Wahlkreis-Karte erscheint zusammen mit der Landesvorhersage (ab 90 Tage vor dem Wahltermin), derzeit für:
- Mecklenburg-Vorpommern (Anker LTW 2021; Training inkl. 2011/2016)
- Sachsen-Anhalt (Anker LTW 2021; Training mit vergleichbaren Anteilen 2016)
- Berlin (Anker AGH 2023→2026; Training 2016→2023)
Die landesweite Stimmenprognose bleibt separat bayesianisch auf vielen Landtagswahlen trainiert; die Wahlkreis-Stufe kalibriert zusätzlich den Weg von Zweit- zu Erststimme.
Fazit
Die Wahlkreis-Vorhersage ist ein kalibriertes Swing-Modell im Stil der Bundestags-Wahlkreise: proportionaler Zweit-Swing + geschätzte Erststimme aus historischen Übergängen — noch ohne Kandidierenden-Effekte. Sie sagt, welche Direktmandate beim aktuellen Landestrend plausibel sind — und wo das Rennen eng bleibt. Die Größenverteilung darunter übersetzt das in eine indikative Parlamentsgröße inkl. Überhang/Ausgleich. Für Stimmenanteile und Koalitionsszenarien bleibt die Landtags-Vorhersage maßgeblich.
Weitere Informationen finden Sie in unserem FAQ.