Die Wahlkreis-Vorhersage bei Zweitstimme.org
Neben der landesweiten Stimmenprognose zeigen wir für anstehende Landtagswahlen (und das Berliner Abgeordnetenhaus) eine Karte der Direktmandate nach Wahlkreis: Welche Partei gewinnt voraussichtlich wo das Direktmandat — und wie sicher ist das?
Dieser Artikel erklärt das Modell hinter der Karte. Kurz gesagt: Wir nehmen die Landesprognose und verteilen den landesweiten Stimmungswandel gleichmäßig auf alle Wahlkreise. Effekte der Kandidierenden fließen (noch) nicht in die Sitzprognose ein.
Was die Karte beantwortet — und was nicht
| Landesprognose | Wahlkreis-Karte | |
|---|---|---|
| Frage | Wie fallen die Zweitstimmen landesweit aus? | Wer gewinnt das Direktmandat (Erststimme) im Wahlkreis? |
| Einheit | Prozentanteile + Szenarien | Karte + Siegchancen je Wahlkreis |
| Unsicherheit | 5/6-Intervall der Landesanteile | Band der Erststimmen (Spanne von niedrig bis hoch über die Simulationen) + P(Sieg) |
| Kandidierende | Spitzenkandidierende nur indirekt (über Umfragen) | Namen zur Orientierung; ohne Einfluss auf die Prognose |
Die Karte färbt jeden Wahlkreis nach der Partei mit der höchsten Siegchance. Klick öffnet Details: Erststimmen-Band, Vergleich zur letzten Wahl und — soweit bekannt — den Namen der Direktkandidierenden.
Die Idee: proportionaler Swing + geschätzte Erststimme
Direktmandats-Umfragen gibt es für die meisten Wahlkreise nicht. Was wir haben:
- Wahlergebnisse je Wahlkreis aus der letzten und der vorletzten Wahl (Erst und Zweit), und
- unsere aktuelle landesweite Zweitstimmen-Prognose.
Daraus bauen wir — analog zur Bundestags-Wahlkreisvorhersage — zwei Stufen: einen proportionalen Zweitstimmen-Swing und eine geschätzte Erststimmen-Gleichung mit Koeffizienten aus vergangenen Landtags-/AGH-Übergängen.
Von der letzten Wahl zum Direktmandat
- 1Historische WahlenErst/Zweit je Wahlkreis — letzte Wahl als Anker, vorletzte für die Schätzung
- 2LandesprognoseAktuelle Zweitstimmen-Anteile und Unsicherheit aus dem Landtagsmodell
- 3Zweit-SwingProportionaler Swing: lokale Zweit × (1 + relativer Landestrend)
- 4ErststimmeOLS: Erst ≈ β₁·Zweit + β₂·Erstletzte Wahl (+ Indikator ohne Kandidatur damals)
- 5SimulationTausende Züge (Land + Koeffizienten) → Siegchance und Band
Schritt für Schritt
1. Trainingsdaten
Geschätzt wird über gestapelte Wahlkreis×Partei-Beobachtungen aus:
- MV: 2011→2016 und 2016→2021 (Absolutstimmen, gleiche 36er-Geographie)
- ST: 2016→2021 (2021 Absolutstimmen; 2016 als amtliche vergleichbare %-Anteile auf 2021er Kreise)
- BE: 2016→2023 (Absolutstimmen im Ergebnisbericht, auf 2023er Wahlkreise)
2. Landesprognose als Ziel
Die aktuelle Zweitstimmen-Vorhersage liefert Punktschätzung und 5/6-Intervall. Daraus ziehen wir in jeder Simulation ein landesweites Ergebnis.
3. Proportionaler Zweitstimmen-Swing
Wie in der Bundestags-Wahlkreislogik:
Starke Wahlkreise bleiben relativ stark; der relative Landestrend wird proportional übertragen. Anschließend Normalisierung auf 100 %.
4. Geschätzte Erststimme
Direktmandate hängen von der Erststimme ab. Die Gleichung wird nur mit Vorwahl-Information kalibriert — dieselbe Informationsmenge wie live: Zweit im Wahlkreis ist die Swing-Projektion aus der vorigen Wahl (nicht das spätere Ist-Zweit der Zielwahl); dazu Erst der vorigen Wahl. Geschätzt wird (gepoolt über die Übergänge oben):
Kandidierenden-Merkmale (Incumbency usw.) fehlen noch — anders als im vollen Bundestags-Modell. Neue Parteien (z. B. BSW) stecken vor allem über die Zweitstimme und den Restanteil.
5. Simulation und Siegchance
2.000 Züge: jeweils ein Landesergebnis und ein Zug aus der Koeffizienten-Unsicherheit (+ Restfehler). Sieger im Wahlkreis = höchste Erststimme; P(Sieg) = Anteil der Siege.
So liest man die Darstellung
- Kartenfarbe — vorausgesagte Siegerpartei (höchste Siegchance).
- P(Sieg) — Anteil der Simulationen, in denen diese Partei das Direktmandat holt. 70 % heißt: in sieben von zehn Zügen gewinnt sie — nicht „sicher“.
- Erststimmen-Band — die Spanne der simulierten Erststimmenanteile von niedrig bis hoch (gerundet), ohne separate Punktschätzung in der Liste. Ein Band ist also kein einzelner Wert, sondern der Unsicherheitsbereich über die Simulationen. Breite Bänder bedeuten: kleine Änderungen am Landestrend können den Wahlkreis kippen.
- Vergleichswert der letzten Wahl — Erststimmenanteil damals, als Orientierung.
- Namen — Direktkandidierende, soweit wir sie aus Partei- oder Amtsquellen haben. Fehlt ein Name, heißt das nicht, dass niemand kandidiert — oft sind die Wahlkreisvorschläge noch nicht vollständig veröffentlicht. Namen ändern die berechneten Anteile nicht.
Was das Modell bewusst weglässt
- Keine Effekte der Kandidierenden. Incumbency, Listenplatz, Bekanntheit usw. stecken noch nicht in der Erst-Gleichung (im Bundestags-Modell schon).
- Kein eigenes Erststimmen-Umfragemodell. Es gibt kaum flächendeckende Wahlkreisumfragen; Swing + Regression sind die Näherung.
- Keine amtliche Sitzzuteilung in den Koalitionsszenarien. Die landesweite Mehrheitsrechnung der Landesprognose bleibt eine Näherung über Zweitstimmenanteile. Zusätzlich zeigen wir unter der Wahlkreis-Karte eine indikative Größenverteilung des Landtags bzw. Abgeordnetenhauses (siehe unten).
- Grenzen und Umschlüsselung. In Berlin: Trainingsübergang 2016→2023 auf 2023er Kreisen; Live-Anker Zweit 2023→2026 laut AfS (
DL_BE_AGH2026_AGH2023), Erst wo die lokale Nummer passt. In ST: 2016er Anteile auf 2021er Kreisen sind amtliche Vergleichswerte in % (Briefwahl-Näherung).
Von Direktmandaten zur Parlamentsgröße
Direktmandate allein bestimmen noch nicht die Sitzverteilung. Alle drei Länder nutzen Hare/Niemeyer auf Zweitstimmen — mit Überhang- und Ausgleichsmandaten, die das Parlament vergrößern können:
| Land | Mindestgröße | Ausgleich |
|---|---|---|
| MV | 71 | Ausgleich bis höchstens 2× Überhang; bei gerader Zahl +1 |
| ST | 83 | Sitzzahl wird wiederholt um 2× verbleibende Überhänge erhöht |
| Berlin | 130 | in der Regel voller Ausgleich (Formel über Direktmandate / Stimmenanteil); Grundmandatsklausel |
Unter der Wahlkreiskarte zeigen wir die simulierte Größenverteilung (Median, Punktschätzung, p90). Das ist keine amtliche Sitzzuteilung, sondern dieselbe Swing-Logik wie die Karte, kombiniert mit den landesspezifischen Regeln.
Mecklenburg-Vorpommern: unvollständiger Ausgleich
Nur in MV kann der Deckel dazu führen, dass Überhangmandate nicht vollständig ausgeglichen werden. Typischer Auslöser: eine Partei gewinnt sehr viele Direktmandate bei einem Zweitstimmenanteil deutlich unter etwa einem Drittel der Landtagsparteien. Historisch hat dieser Deckel bereits gegriffen — 2021 etwa bei der SPD mit drei Überhängen und fünf von sechs möglichen Ausgleichssitzen.
Nach dem aktuellen Forecast (Stand der Simulation):
- In rund 6 % der Züge greift der Deckel (unvollständiger Ausgleich).
- Der verbleibende Vorteil beträgt fast immer genau einen Extra-Sitz (ca. 5 %); zwei oder mehr Extra-Sitze nur in ca. 0,6 % der Simulationen.
- Praktisch betrifft das die AfD als Überhangpartei. Andere Parteien erhalten Ausgleichssitze — aber keinen unkompensierten Extra-Sitz zulasten des Proporzes.
Auswirkung auf Mehrheits-Szenarien: vernachlässigbar. Vergleicht man Zweitstimmen-Mehrheit, Sitzmehrheit mit vollem Ausgleich und Sitzmehrheit mit MV-Deckel, liegt der Deckel-Effekt bei unter 0,5 pp. Ob der Ausgleich vollständig oder gedeckelt ist, ändert die Wahrscheinlichkeit einer absoluten AfD-Mehrheit praktisch nicht. In der Swing-Simulation liegt sie unter 1 %; die Landesprognose weist (gerundet) etwa 2 % aus — beide Werte sind klein, der Unterschied kommt vom Modell, nicht vom Deckel. Deshalb bleiben die Koalitionsszenarien der Landesprognose die Zweitstimmen-Näherung — ohne eigene Sitz-Korrektur für Überhang.
In Berlin gleichen unsere Simulationen den Überhang vollständig aus (unvollständiger Ausgleich: 0 %). In ST kann nach mehreren Ausgleichsrunden ein kleiner Restüberhang an der Fraktionsstärke-Grenze stehen bleiben (meist ein Sitz) — die Unsicherheit steckt aber vor allem in der Parlamentsgröße.
Aktuell verfügbar
Die Wahlkreis-Karte erscheint zusammen mit der Landesvorhersage (ab 90 Tage vor dem Wahltermin), derzeit für:
- Mecklenburg-Vorpommern (Anker LTW 2021; Training inkl. 2011/2016)
- Sachsen-Anhalt (Anker LTW 2021; Training mit vergleichbaren Anteilen 2016)
- Berlin (Anker AGH 2023→2026; Training 2016→2023)
Die landesweite Stimmenprognose bleibt separat bayesianisch auf vielen Landtagswahlen trainiert; die Wahlkreis-Stufe kalibriert zusätzlich den Weg von Zweit- zu Erststimme.
Fazit
Die Wahlkreis-Vorhersage ist ein kalibriertes Swing-Modell im Stil der Bundestags-Wahlkreise: proportionaler Zweit-Swing + geschätzte Erststimme aus historischen Übergängen — noch ohne Kandidierenden-Effekte. Sie sagt, welche Direktmandate beim aktuellen Landestrend plausibel sind — und wo das Rennen eng bleibt. Die Größenverteilung darunter übersetzt das in eine indikative Parlamentsgröße inkl. Überhang/Ausgleich. Für Stimmenanteile und Koalitionsszenarien bleibt die Landtags-Vorhersage maßgeblich.
Weitere Informationen finden Sie in unserem FAQ.