Die Landtagswahl-Vorhersage bei Zweitstimme.org
Sobald eine Landtagswahl näher rückt, erscheint auf der Startseite der Bereich Vorhersage: eine Modellprognose des Wahlergebnisses mit Punktschätzung, Unsicherheitsintervall und Szenario-Wahrscheinlichkeiten. Dieser Artikel erklärt, wie diese Vorhersage berechnet wird — und was sie von der Stimmung (den Kalman-geglätteten Umfragewerten, aktualisiert wenn neue Umfragen vorliegen) unterscheidet.
Wann erscheint eine Vorhersage?
Eine Vorhersage wird 90 Tage vor dem Wahltermin freigeschaltet und bei neuen Umfragen neu berechnet — ohne neue Daten bleibt der Stand unverändert. Unter dem Diagramm zeigen wir zwei Daten getrennt: Stand (wann diese Modellrechnung veröffentlicht wurde) und Letzte Umfrage (jüngste Umfrage, die in die Prognose eingeflossen ist). Die beiden können auseinanderlaufen, wenn das Modell neu gerechnet wurde, ohne dass seither eine neue Landesumfrage vorlag — oder umgekehrt, wenn eine frische Umfrage noch nicht in der Vorhersage steckt. Davor zeigen wir für das jeweilige Bundesland nur die laufende Stimmung. Nach der Wahl wird die letzte Modellprognose vor der Wahl im Archiv eingefroren.
Warum nicht einfach die letzten Umfragen nehmen?
Umfragen kurz vor der Wahl sind der stärkste einzelne Prädiktor — aber sie liegen regelmäßig daneben. Umfragen einige Wochen vor der Wahl verfehlen das Ergebnis im Schnitt um mehrere Prozentpunkte. Ein statistisches Modell kann aus vergangenen Wahlen lernen, wie stark Umfragen zu gewichten sind — und wie groß die verbleibende Unsicherheit realistischerweise ist.
Das Modell
Die Vorhersage folgt dem Ansatz aus Stoetzer, Erfort, Rajski, Gschwend, Munzert und Koch (2025) in Electoral Studies: einem bayesianischen Regressionsmodell, trainiert auf deutschen Landtagswahlen mit Umfragedaten. Für jede Partei schätzt es den Stimmenanteil am Wahltag — aus den aktuellen Landesumfragen (Anzeige: „Letzte Umfrage“) und daraus, wie viele Tage es noch bis zur Wahl sind (exakter Tages-Vorlauf, wie bei BW/RP 2026). Je näher der Termin, desto stärker zählen die Umfragen und desto schmaler werden typischerweise die Intervalle.
Das Live-Modell ist umfragenbasiert (polls-only): Eingangsdaten sind nur die Landesumfragen plus der Vorlauf. Bundestrend, letztes Wahlergebnis und Regierungsbeteiligung fließen nicht ein — sie gehören zur Paper-Variante (kombiniertes Modell, _all), nicht zur hier gezeigten Vorhersage. Auch neue Parteien stecken bereits in den Umfragen und brauchen keinen eigenen Extra-Faktor.
Das Modell lernt aus vergangenen Wahlen, wie stark Umfragen zu gewichten sind und wie groß der typische Restfehler bleibt. Genau dieser Restfehler bestimmt die Breite der Unsicherheitsintervalle.
Je näher die Wahl, desto kleiner der Fehler
Mittlerer absoluter Fehler (MAE) des kombinierten Modells aus dem Paper (Umfragen plus Strukturdaten: letztes Wahlergebnis, Bundestrend, Regierungsbeteiligung) bei historischer Kreuzvalidierung — für die festen Vorläufe 2 Tage, 2 Wochen und 2 Monate. Quelle: Stoetzer et al. (2025), Electoral Studies, log-ratio-Spezifikation. Die Live-Vorhersage verwendet die umfragenbasierte Variante desselben Ansatzes, trainiert am exakten Tages-Vorlauf der jeweiligen Wahl — nicht die 2-/14-/60-Tage-Fenster des Papers.
Von Umfragen zur Prognose
Die Berechnung läuft täglich serverseitig in unserer Datenpipeline:
- Daten sammeln — Landesumfragen kommen aus derselben Datenbasis wie die Stimmungsanzeige (DAWUM und wahlrecht.de).
- Prädiktoren bilden — Für jede Partei (CDU/CSU, SPD, AfD, GRÜNE, LINKE, BSW, FDP und Sonstige) den latenten Umfragewert zum Datum der letzten einbezogenen Umfrage und den Vorlauf bis zur Wahl. Weist ein Institut eine kleine Partei nicht einzeln aus (üblich unterhalb von etwa 3 %), halten wir sie für 90 Tage nach ihrem letzten ausgewiesenen Wert bei 2 %; danach entfällt sie, bis wieder ein echter Umfragewert vorliegt.
- Simulieren — Das Modell erzeugt für jede Partei 4.000 Simulationen des Wahlergebnisses. Jede Simulation ist ein plausibles Wahlergebnis, das sowohl die Unsicherheit der Modellparameter als auch den historischen Prognosefehler berücksichtigt; anschließend werden die Anteile in jeder Simulation auf 100 % normalisiert.
- Zusammenfassen — Die Punktschätzung ist der Median der Simulationen, das 5/6-Intervall die entsprechenden Quantile — auch für Sonstige.
Wie die Unsicherheit zu lesen ist
Der farbige Balken um jede Punktschätzung zeigt das 5/6-Intervall (rund 83 %): In fünf von sechs Fällen erwarten wir das tatsächliche Wahlergebnis innerhalb dieses Bereichs — und in einem von sechs Fällen außerhalb. Das ist kein Schönheitsfehler, sondern eine ehrliche Ansage: Auch eine gute Prognose liegt regelmäßig daneben, und das Intervall sagt, wie weit.
So liest man Punktschätzung und Intervall
Die Intervalle sind bewusst breiter als die Schwankungsbreite einzelner Umfragen, denn sie enthalten nicht nur Stichprobenfehler, sondern den gesamten historischen Prognosefehler — also auch systematische Umfrageabweichungen und echte Last-Minute-Bewegungen, wie sie bei vergangenen Landtagswahlen aufgetreten sind.
Beispiel: Vorhersage Sachsen-Anhalt
Snapshot vom 3. Juli 2026 (Wahl am 6. September). Farbige Balken = 5/6-Intervall, Punkte = Punktschätzung — dieselbe Darstellung wie auf der Startseite.
Szenario-Wahrscheinlichkeiten
Aus denselben 4.000 Simulationen berechnen wir die Wahrscheinlichkeiten konkreter Ereignisse: Wie oft ist eine Partei in den Simulationen stärkste Kraft? Wie oft schafft sie es über die 5 %-Hürde? Und wie oft hätte eine bestimmte Koalition eine Parlamentsmehrheit?
Die 5 %-Hürde gilt für den Stimmenanteil an allen gültigen Stimmen — Sonstige bleiben im Nenner. Erst danach ziehen nur Parteien über der Hürde ins Parlament ein, und die Sitze verteilen sich proportional zu den Stimmen dieser Parteien. Eine Koalition hat eine Mehrheit, wenn ihre Parteien zusammen mehr als die Hälfte dieser Sitze stellen — wobei jede beteiligte Partei selbst über der Hürde liegen muss. Angezeigt werden nur Szenarien mit mindestens 1 % Wahrscheinlichkeit.
Direktmandate und Überhang/Ausgleich bilden die Szenarien nicht im Detail ab — und das ändert an den Wahrscheinlichkeiten praktisch nichts: In Berlin stellt der Ausgleich den Proporz in unseren Simulationen vollständig wieder her; in Sachsen-Anhalt nahezu. In Mecklenburg-Vorpommern kann der gesetzliche Deckel (Ausgleich höchstens doppelt so viele Sitze wie Überhangmandate) der Überhangpartei einen kleinen Sitzvorteil lassen; in unseren Simulationen verschiebt das Szenario-Wahrscheinlichkeiten um deutlich unter einen Prozentpunkt. Die Absolute Mehrheit der AfD bleibt davon unberührt (Unterschied Deckel vs. voller Ausgleich: 0 pp).
Aus Simulationen werden Wahrscheinlichkeiten
Jedes Kästchen steht für 5 Prozentpunkte Wahrscheinlichkeit (20 Punkte = 100 %). Gefüllte Punkte = Anteil der Simulationen, in denen das Szenario eintritt.
Eine Wahrscheinlichkeit von z. B. 69 % für „BSW über 5 %-Hürde“ heißt: In 69 % der Simulationen liegt das BSW über 5 % — es ist also gut möglich, aber keineswegs sicher. Umgekehrt heißen 99,9 % nicht „sicher“, sondern: In den Simulationen kommt das Gegenteil praktisch nicht vor.
Stimmung und Vorhersage im Vergleich
| Stimmung (Balken/Linien) | Vorhersage | |
|---|---|---|
| Frage | Wie ist die Stimmung heute? | Wie geht die Wahl am Wahltag aus? |
| Methode | Kalman-Filter über alle Umfragen | Bayesianisches Modell nach Stoetzer et al. (2025), hier umfragenbasiert |
| Eingangsdaten | Nur Umfragen | Landesumfragen + Tage bis zur Wahl |
| Unsicherheit | ±1σ-Band der Umfrageglättung | 5/6-Intervall inkl. historischem Prognosefehler |
| Verfügbar | Immer | Ab 90 Tage vor der Wahl |
Kurz gesagt: Die Stimmung glättet, was Umfragen messen; die Vorhersage schätzt, was am Wahltag herauskommt — inklusive der Erfahrung, wie stark beides in der Vergangenheit auseinanderlag.
Grenzen des Modells
- Ohne aktuelle Landesumfragen wird die Prognose unsicherer. Das Live-Modell stützt sich auf die Umfragen; fehlen sie, bleiben die Intervalle entsprechend breit.
- Kandidaten- und Kampagneneffekte kennt das Modell nur indirekt (über die Umfragen). Spitzenkandidat*innen, lokale Themen oder Skandale in den letzten Tagen kann es nicht vorhersehen.
- Kleinparteien erscheinen gemeinsam als „Sonstige“ (nicht Partei für Partei).
- Wahlrechtliche Sonderregeln (Grundmandatsklauseln, Direktmandate) sind in den Szenario-Rechnungen nicht Sitz für Sitz abgebildet. Der Effekt auf Mehrheits-Wahrscheinlichkeiten ist vernachlässigbar (siehe oben).
Fazit
Die Landtagswahl-Vorhersage übersetzt aktuelle Landesumfragen in eine Wahlprognose — gelernt aus vergangenen Landtagswahlen, mit ehrlicher Unsicherheit. Sie liefert keine Gewissheit, sondern kalibrierte Wahrscheinlichkeiten: eine Punktschätzung, ein Unsicherheitsintervall und Szenario-Wahrscheinlichkeiten, die man beim Wort nehmen darf. Die archivierten Prognosen vergangener Wahlen bleiben unverändert online — so können Sie selbst überprüfen, wie gut das Modell trifft.
Die wissenschaftliche Grundlage und die Evaluation des kombinierten Modells stehen in Stoetzer et al. (2025), Electoral Studies.
Weiterlesen: FAQ · Stoetzer et al. (2025) in Electoral Studies