Der Nowcast am Wahlabend
Zwischen 18 Uhr und dem endgültigen Ergebnis kommt die Auszählung stückweise: zuerst einzelne Wahlbezirke, oft Zweitstimme und Wahlbeteiligung früher als die Erststimme. Der Wahlabend-Nowcast schätzt daraus laufend, wo die Wahl landet — Anteile, Beteiligung, Direktmandate, Einzug und Parlamentsgröße — ohne auf den letzten Wahlbezirk zu warten.
Die aktuelle Vorschau ist ein Replay der Abgeordnetenhauswahl 2023: Wir spielen die Nacht mit echten Endständen und einer Meldechronologie durch. Am echten Abend 2026 ersetzt der Live-Feed der Amtlichen Wahllokale denselben Mechanismus.
Was der Nowcast beantwortet — und was nicht
| Vor der Wahl | Wahlabend-Nowcast | |
|---|---|---|
| Frage | Wie fällt die Wahl aus, wenn heute gewählt würde? | Was sagen die schon gemeldeten Bezirke über den Rest? |
| Daten | Umfragen + Historie | Gemeldete Wahlbezirke + Ausgangslage |
| Unsicherheit | Modell-Intervall der Prognose | Band, das mit der Auszählung schrumpft |
| „Wahr“-Linien | — | Nur in der Replay-Vorschau (Endstand bekannt) |
Ablauf in fünf Schritten
- 1AusgangslageHistorie + Vorwahl-Ziel π₀ je Wahlbezirk
- 2MeldungAfS-Wahlbezirke (Urne/Brief) mit Zeitstempel
- 3ÜberraschungIst vs. Prior in den gemeldeten Bezirken
- 4ÜbertragungLokal (Bezirk×Art) + strukturähnliche Nachbarn
- 5AggregateLand, Listen, WK-Calls, Größe, Beteiligung
Gemeldete Bezirke werden festgeschrieben (kein „Zurückschätzen“). Nur der Rest wird fortgeschrieben.
1. Daten
Quellen (Berlin): Amt für Statistik Berlin-Brandenburg — Wahlbezirksergebnisse, Strukturdaten, AFSPRAES-Datenexport_*_W_BE.csv am Abend.
| Feld | Rolle |
|---|---|
| Zweitstimme je WB | Landes-/Bezirkslisten-Nowcast |
| Erststimme je WB | Direktmandate / Calls |
| Wahlberechtigte, Wählende | Wahlbeteiligung |
| Urne vs. Brief | getrennte Korrektur (Brief oft ohne eigene Wahlberechtigte) |
| Strukturmerkmale | Nachbarschaft ähnlicher Bezirke |
Meldezeit (Datum/Zeit) | Reihenfolge der Nacht |
In der Vorschau nutzen wir den Endstand AGH 2023 und die _W_-Zeiten. Wichtig: In eingefrorenen Exporten sind die Zeiten oft Nachbearbeitung, nicht der echte Eingang in der Wahlnacht. Deshalb gibt es zusätzlich simulierte Meldeordnungen (zufällig, Urne zuerst, …).
2. Ausgangslage (Prior)
Vor der ersten Meldung braucht jeder Wahlbezirk eine Erwartung.
- Historie (L1): Ergebnis der vorherigen vergleichbaren Wahl auf denselben Gebieten (im Replay: AGH 2016 → 2023er Bezirke).
- Vorwahl-Ziel π₀: landesweite Erwartung vor der Wahl (Umfragen / Landesprognose).
- Proportionaler Swing: Jeder Bezirk wird so verschoben, dass das Aggregat π₀ trifft — ohne die relative Struktur der Bezirke zu zerstören.
Für die Erststimme kommt ein zusätzlicher Schritt: Übergang von Zweit- zu Erststimme aus dem Wahlkreis-Modell (historische Erst/Zweit-Beziehung), nicht einfach „Zweitstimme = Direktmandat“.
Offene Bezirke starten bei Priori; gemeldete werden durch das echte Ergebnis ersetzt.
3. Update in der Nacht
Sobald Wahlbezirke melden, vergleichen wir Ist und Prior nur in dieser gemeldeten Menge.
Überraschung (Surprise)
Surprise = stimmengewichteter Mittelwert der Residuen über alle gemeldeten j
Liegt die CDU in den ersten Urnen systematisch über dem Prior, ist die Surprise positiv — und fließt in die offenen Bezirke.
Lerngewicht
Früh in der Nacht (wenig Stimmen, untypische Kieze) darf die Surprise die Stadt nicht voll umwerfen. Das Lerngewicht wächst mit:
- Anteil der schon gezählten Stimmen, und
- Repräsentativität der Stichprobe (Parteiprofil, Urne/Brief-Mix, Strukturähnlichkeit zur Gesamtstadt).
Kleine, schiefe Stichprobe → w nah bei 0 → Nowcast bleibt nah am Prior. Breite, typische Auszählung → w nah bei 1.
Von global zu lokal (Produktmodell)
Offene Bezirke bekommen nicht nur den Stadt-Swing:
- Global: Surprise × Lerngewicht
- Lokal: zusätzlicher Anteil aus demselben Bezirk × Urne/Brief
- Nachbarn: Residuen strukturähnlicher Bezirke derselben Art (k nächste Nachbarn; gleicher Bezirk wird leicht bevorzugt)
Gemeldete Bezirke bleiben unverändert. Aggregate (Land, Bezirk, Wahlkreis) sind stimmengewichtete Summen aus festgeschriebenen und fortgeschriebenen Bezirken.
4. Unsicherheitsband
Das ±-Band ist ein indikatives Intervall (Ziel roughly ~80 % Coverage im Replay), keine Garantie.
Es schrumpft mit dem noch offenen Stimmenanteil und wird durch Residuenstreuung und Auswahlrisiko etwas angepasst. Über die Nacht wird das Band monoton: Es darf mit fortschreitender Auszählung nicht wieder breiter werden.
Solange ein Wahlkreis lokal kaum gemeldet hat, bleibt ein Prior-Floor — sonst würde das Band zu früh kollabieren, während der Punktwert noch fast nur der Ausgangslage folgt.
5. Direktmandate und Calls
Zweitstimme und Erststimme laufen parallel (eigener Prior, eigener Nowcast). Das Direktmandat eines Wahlkreises kommt aus dem Erststimmen-Nowcast, nicht als Proxy aus der Zweitstimme.
Zwei Stufen
| Stufe | Schwelle | Bedingung |
|---|---|---|
| Wahrscheinlich | P(Führung hält) ≥ 90 % | auch ohne lokale Meldung im WK (Prior/Landestrend) |
| Call | P(Führung hält) ≥ 99,9 % | lokale Meldung und Restanteil kann die Marge nicht mehr kippen |
P(Führung hält) kommt aus der aktuellen Marge und dem Unsicherheitsband (enger Vorsprung + breites Band → niedrige Wahrscheinlichkeit).
Der Rest-Veto verhindert Fehl-Calls bei fast vollständiger, aber noch nicht sicherer Auszählung: Wenn der offene Stimmenanteil die Marge noch umkehren könnte (konservativer Rest-Swing), gibt es keinen harten Call — auch bei sehr hoher Modell-P. Nur auf 100 % Auszählung zu warten wäre kein Call, sondern Abwarten; deshalb die 99,9 %-Schwelle plus Sicherheitsnetz.
In der Replay-Eval zählen wir Fehl-Calls hart: Call-Partei ≠ Erststimmen-Sieger 2023.
6. Wahlbeteiligung
Berlin meldet oft Wahlbeteiligung und Zweitstimme früh. Der Beteiligungs-Nowcast ist deshalb Teil der Szenarien-Ansicht.
- Wahrheit / Ziel: Summe Wählende ÷ Summe Wahlberechtigte (stadtweit).
- Besonderheit Briefwahl: Viele Briefwahlbezirke haben in den Tabellen
Wahlberechtigte = 0(Berechtigte sitzen auf der Urne). Wir zählen sie über erwartete Wählende aus der Historie mit, sonst unterschätzt man die Beteiligung dramatisch. - Update: Faktor „gemeldete Wählende / erwartete Wählende“ (geschrumpft), angewandt auf die noch offenen Bezirke.
7. Szenarien, Listen, Parlamentsgröße
Aus dem laufenden Zweitstimmen-Nowcast und dem Unsicherheitsband ziehen wir Monte-Carlo-Züge:
- Politische Szenarien (stärkste Kraft, Mehrheiten, 5 %-Hürde, …) mit Wahrscheinlichkeit; P ≥ 50 % heißt nur „tritt eher ein“, kein Call.
- Einzug: 5 % oder mindestens ein Direktmandat; CDU/SPD/Linke über Bezirkslisten, übrige große Parteien über Landesliste.
- Parlamentsgröße: Berliner Formel (Grundmandate + Ausgleich) auf den Nowcast-Zügen → Median und p10–p90 über die Nacht.
Details zur Vorwahl-Logik von Direktmandaten und Größe: Wahlkreis-Vorhersage, Landesprognose.
8. Was die Vorschau zeigt
Die Oberfläche unter /preview/wahlabend/ hat vier Ebenen:
- Zweitstimme — Anteile ± Band über die Nacht
- Szenarien — Beteiligung, politische Szenarien, Parlamentsgröße
- Listen — wer kommt rein (Landes- vs. Bezirksliste)
- Wahlkreise — Erststimmen-Rennen, Wahrscheinlich/Call
Gestrichelte „Wahr“-Linien und Treffer-Tabellen sind Replay-Eval. Am echten Wahlabend fehlen sie — dann zählt nur der Nowcast gegen den noch unbekannten Endstand.
9. Grenzen und nächste Schritte
- In-Sample-Replay: Kalibrierung und Demo laufen bisher auf AGH 2023. Echter Out-of-sample-Test: Backtest mit BTW 2025-
_W_. - Meldezeiten: Eingefrorene
_W_-Zeiten ≠ zuverlässige Live-Chronologie. - Kein amtliches Hochrechnungsprodukt: Wir ersetzen nicht die AfS; wir ordnen Teilstände ein.
- Kandidierenden-Effekte am Abend sind begrenzt (Namen/Listen zur Orientierung; Call basiert auf Stimmen-Nowcast).
- π₀ live: Soll die aktuelle Landesprognose (Stand = letzte Umfrage) sein, nicht ein Einfrieren auf den Wahltag-Kalender.